1. Pressekonferenz von MTD-Austria "Patiententäuschungen und Unterversorgung im österreichischen Gesundheitswesen"

Patiententäuschungen und Unterversorgung im österreichischen Gesundheitswesen"

1. Pressekonferenz von MTD-Austria, 15. September 2008, 10:00 Uhr, Cafe Landtmann, Wien

Anlässlich der Präsentation des 1. Österreichischen MTD-Berichtes übte die Präsidentin des Dachverbandes der gehobenen medizinisch-technischen Dienste (MTD-Austria), Mag. Gabriele Jaksch, massive Kritik an den derzeit herrschenden Rahmenbedingungen für die therapeutische Versorgung von PatientInnen in Österreich. 

  • Diese werden durch unqualifizierte und zum Teil auch gesetzeswidrige Angebote getäuscht und falsch (nicht) behandelt
  • In vielen Bereichen der medizinisch-therapeutischen Betreuung sind PatientInnen unterversorgt
  • Im Bereich der medizinisch-therapeutischen Betreuung gibt es aufgrund extrem unterschiedlicher Leistungen der Krankenkassen de facto eine Zwei-Klassen-Medizin
  • Ausbildung, Wissenschaft und Forschung im MTD-Bereich werden behindert.

Ergänzend zu den Fallbeispielen „Legasthenie", Sprachstandserhebung" und Ernährungsberatung" stellet MTD-Austria Präsidentin Jaksch zum Beispiel die Fragen: Warum werden in der Schweiz für Physiotherapie pro Patient jährlich EUR 50,00 aufgewendet, in Österreich lediglich EUR 17,00?

Warum werden Blutproben von Österreichern in Bulgarischen Großlabors analysiert; dies unter Missachtung von einschlägigen Qualitätskriterien, sodass schwerwiegende Krankheiten, wie etwa Leukämie, dabei übersehen werden?

Warum haben Schädel-Hirn-Trauma-Patienten mit Sehstörungen - und das sind mehr als die Hälfte dieser PatientInnen - (fast) keine Chance auf eine adäquate Rehabilitation?

Warum ist für die betroffenen PatientInnen die oftmals undurchsichtige Vertragssituation zwischen Bundes- und Gebietskrankenkassen ein echtes Zugangshindernis für Ergotherapie im extramuralen Bereich, sodass im Durchschnitt ein Selbstbehalt von zumindest EUR 40-45,00 je Behandlungseinheit zu bezahlen ist? Warum erhalten so manche PatientInnen Ergotherapie auf Krankenschein, hingegen muss eine Vielzahl von PatientInnen für Selbstbehalte tief in die eigene Tasche greifen?

Warum können vier von sieben MTD-Berufen, wie z.B. RadiologietechnologInnen, ohne die ein moderner Spitalsbetrieb unvorstellbar ist, freiberuflich erbrachte Leistungen nicht direkt mit den Krankenkassen abrechnen?

Und und und ..

„Wenn in letzter Zeit von einer Gesundheitsreform die Rede ist, dann geht es in Wirklichkeit entweder um eine Finanzierungsreform (siehe GKK) oder um eine Sozialrechtsreform (siehe Pflegekräfte und 24 Stunden Betreuung). Nur um eins geht es leider nicht: Um die Gesundheit der ÖsterreicherInnen", so Jaksch.

„Es ist kein Zufall, dass sich ausgerechnet die Sozialpartner - sprich: Wirtschaftskammer und Gewerkschaft - für diese ‚Gesundheitsreform' stark machen wollen. Obwohl ihre Kompetenz in Sachen ‚Gesundheit' ungefähr so groß ist, wie die Kompetenz von medizinisch-technischen Diensten für die Befugnisse und Honorare von Rauchfangkehrern oder Fliesenlegern."

MTD-Austria will, so Jaksch, eine Diskussion und Gesundheitsreform, bei der es um die Betreuungs- und Versorgungsqualität der PatintInnen geht.

Ein im Vergleich wohlhabender Staat wie Österreich kann und muss es sich leisten, ein soziales Gesundheitswesen zu haben. Bisher wurde uns dies auch international als eines der besten Gesundheitssysteme attestiert: Sprich: Gleiche Chancen für alle auf eine adäquate, dem Stand der Wissenschaft entsprechende Behandlung.

Der vehemente Versuch, dieses Gesundheitssystem zu einem ausschließlich gewinnorientierten Markt umzufunktionieren und dabei in Kauf zu nehmen, dass die sogenannten „selbsternannten Gesundheitsberufe" Tätigkeiten aus dem Bereich der medizinisch-technischen Dienste übernehmen, bedeutet definitiv eine Verschlechterung der Patientenversorgung und langfristig vermutlich die Verankerung einer Zwei- bis Drei-Klassen-Medizin. Zusätzlich muss festgehalten werden, dass diese „selbsternannten Gesundheitsberufe" nur in den seltensten Fällen die PatientInnen über deren berufsrechtliche Kompetenz und Ausbildung aufklären.

MTD-Austria fordert daher von einer künftigen Gesundheitspolitik:

1. Eine offizielle Registrierung von MTD-Berufsberechtigten durch MTD-Austria (analog der Registrierung von ÄrztInnen durch die Ärztekammer)

Damit sollte eine deutliche Erkennbarkeit der MTD-Berufsberechtigten (im Sinne einer Unterscheidung von gewerblichen Anbietern) gegeben sein. Bestandsaufnahme von aktuellen Daten (u.a. für Bedarfsanalysen zur Versorgungslage) Orientierungshilfe für PatientInnen, Behörden und Mediziner

2. Krankenkassen-Refundierung für alle MTD

Gleichstellung aller freiberuflich erbrachten MTD-Leistungen im Hinblick auf die Refundierungs- und Abrechnungsmöglichkeit mit den Gebietskrankenkassen nach dem Allgemeinen Sozialversicherungsgesetz (ASVG), Gleichbehandlung von PatientInnen (unabhängig von Erkrankung, Wohnort und Versicherungsverhältnis), Sicherung einer adäquaten (extramuralen) Versorgung, Reduktion von Folgekosten

3. Einheitliche Bundesfinanzierung für Bachelor- und Masterstudiengängen im Sinne des Bologna-Prozess für jede einzelne MTD-Berufssparte (vor allem unter dem Aspekt der Qualitätssicherung der einzelnen Ausbildungen für die gehobenen medizinisch-technischen Dienste)

4. Sitz und Stimme in den relevanten Gesundheitsgremien

Die MTD als drittgrößte Gruppe im Gesundheitswesen sind gegenwärtig in keinen Kommissionen oder Gremien vertreten, die das Gesundheitssystem steuern. Diese rund 20.000 Personen werden somit nicht entsprechend gehört.

5. Beachtung und Durchsetzung der vorhandenen rechtlichen Instrumente im Bereich der Vorbehaltstätigkeiten für die gehobenen medizinisch-technischen Dienste

Es müssen neue Rechtsinstrumente geschaffen werden, damit die Schutzregelungen für die Patienten auch real durchsetzbar werden. Auch solche Regelungen gibt es in Österreich, z.B die strafrechtliche Untersagung der Ausübung des Heilpraktikerwesens für Nichtärzte. Regelungen dieser Art sind mittlerweile (leider) auch für den MTD-Bereich erforderlich.

Täuschung von PatientInnen durch undurchsichtige „Therapie"angebote und Unterversorgung bei medizinisch qualifizierten Therapien könnten weitgehend behoben werden, fasste MTD-Präsidentin Jaksch zusammen, „wenn es endlich eine verpflichtende Registrierung durch MTD-Austria und eine bundesweite Abgeltung für MTD-Leistungen durch die Krankenkassen gäbe".